Zusammen schlauer: Wie Ko-Konstruktion im Kita-Alltag gelingt

Kinder konstruieren und gestalten gemeinsam mit Werkzeugen und Materialien.

Eine Brücke aus Bausteinen fällt um. Ich könnte sie schnell stabiler aufbauen. Dann stünde die Brücke – und meine Lösung gleich mit. Mich interessiert aber noch etwas anderes: Welche Idee verfolgen die Kinder, was haben sie bereits ausprobiert und an welcher Stelle könnte mein Beitrag ihr Denken erweitern?

Annette Schmitt beschreibt in „Gemeinsam Antworten finden“ aus „kindergarten heute“ 10/2022 Ko-Konstruktion als Verbindung von eigenen Erfahrungen und Austausch. Besonders nehme ich aus dem Beitrag mit: Erwachsene dürfen sich beteiligen und müssen zugleich bereit sein, ihre Sicht zu verändern. Die folgende Brückensituation ist ein eigenes Beispiel dafür, wie ich diese Haltung praktisch übersetzen würde.

Eine gemeinsame Frage statt einer versteckten Lösung

Zuerst möchte ich verstehen, was überhaupt entstehen soll. Vielleicht ist die Konstruktion für mich eine Brücke, für die Kinder aber eine Bühne mit einem Tunnel. Meine Frage wäre deshalb: „Zeigt ihr mir, was hier passieren soll?“ Erst danach lässt sich eine gemeinsame Aufgabe formulieren: Wie bleibt die Bühne stehen, wenn die Figuren darüberlaufen?

Ko-Konstruktion beginnt für mich dort, wo Beiträge etwas verändern dürfen. Wenn ich alle Fragen so stelle, dass am Ende meine fertige Idee herauskommen muss, ist die Beteiligung ziemlich dekorativ. Ich kann trotzdem Wissen einbringen. Entscheidend ist, ob es an die Frage der Kinder anschließt und ob wir damit gemeinsam weiterkommen.

So könnte ein gemeinsamer Denkprozess aussehen

Ein Kind vermutet, dass die Bühne zu hoch ist. Ein anderes möchte die Stützen weiter auseinanderstellen. Ich würde beide Vorschläge zunächst sichtbar machen: durch Zeigen, eine Skizze oder zwei kleine Modelle. Dann überlegen wir, wie sich die Ideen ausprobieren lassen. Wenn wir gleichzeitig Höhe, Material und Abstand ändern, lässt sich später schwer sagen, was geholfen hat. Auch diesen Gedanken kann ich anbieten, ohne den Bauplan zu übernehmen.

Nach einem Versuch beschreiben wir zuerst, was passiert ist. „Die Mitte ist abgesackt“ ist etwas anderes als „Das war falsch“. Vielleicht ergänze ich: „Ich frage mich, ob die lange Platte in der Mitte Unterstützung braucht.“ Das ist mein Beitrag zur gemeinsamen Untersuchung. Die Kinder können ihn aufgreifen, verändern oder mit einem anderen Vorschlag vergleichen.

Unterstützen und wieder loslassen

Schmitt unterscheidet unter anderem Ko-Konstruktion im Spiel, geleitete Teilnahme mit Scaffolding und vertieftes gemeinsames Nachdenken. Scaffolding beschreibt eine vorübergehende Unterstützung: eine Art Gerüst, das Beteiligung ermöglicht und zurückgenommen wird, sobald es nicht mehr gebraucht wird. Das hilft mir, zwischen hilfreicher Begleitung und dauerhafter Übernahme zu unterscheiden.

Im Bauprojekt könnte ich ein Brett kurz festhalten, während ein Kind die Stützen platziert. Vielleicht hilft eine kleinere Auswahl an Materialien oder eine Skizze des nächsten Schritts. Ich würde jeweils nur so viel übernehmen, dass das Kind wieder selbst handeln kann. Wenn der Bau dann läuft, muss ich nicht weiter kommentieren. Pädagogische Aufmerksamkeit zeigt sich manchmal gerade darin, den eigenen Redebeitrag zu beenden.

Nicht nur die Schnellsten kommen zu Wort

Ein gemeinsamer Prozess kann trotzdem ungleich sein. Wenn zwei Kinder Material und Gespräch bestimmen, bedeutet meine Anwesenheit noch keine Beteiligung aller. Ich würde genauer beobachten: Wer bringt eine Idee ein? Welche Idee wird ausprobiert? Wer braucht eine Pause, mehr Zeit oder eine andere Form, etwas mitzuteilen?

Dazu muss niemand vor der ganzen Gruppe sprechen. Ein Kind kann seine Idee bauen, auf eine Stelle zeigen oder sie zunächst einer vertrauten Person erklären. Bildkarten und kleine Modelle können das Gespräch ergänzen. Mir geht es dabei nicht um eine Pflicht zur Teilnahme. Auch Zuschauen und späteres Einsteigen dürfen möglich sein. Erwachsene behalten außerdem die Verantwortung für Schutz und sichere Materialien.

Aus einer Beobachtung wird eine Teamfrage

Für eine kurze Teamreflexion würde ich eine konkrete Situation wählen und drei Dinge auseinanderhalten: Was haben die Kinder beigetragen? Was habe ich eingebracht? Was wurde dadurch anders? Diese Fragen sind hilfreicher als das schnelle Urteil, eine Aktivität sei besonders partizipativ gewesen.

Vielleicht zeigt sich, dass ich nach jeder Kinderidee sofort eine weitere Frage gestellt habe. Vielleicht habe ich einen wichtigen Hinweis gegeben und anschließend Raum gelassen. Beides lässt sich besprechen. Das Ziel ist für mich eine bewusste Entscheidung darüber, wann mein Beitrag gebraucht wird, wann ich etwas erklären sollte und wann die Kinder gemeinsam besser weiterkommen.

Als Vater und Erzieher wünsche ich mir Lernräume, in denen Kinder ihre Gedanken wirksam erleben. Dazu gehören Erwachsene, die zuhören, sich mit ihren Kenntnissen einbringen und sich überraschen lassen. Die fertige Brücke kann ein schönes Ergebnis sein. Der gemeinsam entwickelte Gedanke ist mindestens ebenso interessant.

Passende Angebote im Kita Campus

Gemeinsame Fragen und Kinderideen bilden auch den Ausgangspunkt unserer Fortbildung zu forschendem Lernen und Projektarbeit in der Kita. Für den Familienalltag ergänzt der kostenlose Elternkurs „Kinderfragen als Forschungsstart“ die Perspektive.

Quellen und Vertiefung

Fachlicher Ausgangspunkt: Annette Schmitt (2022): „Gemeinsam Antworten finden. Auf Augenhöhe durch Ko-Konstruktion“, kindergarten heute, Ausgabe 10/2022, S. 10–14. Das Brückenbeispiel und die Reflexionsfragen dieses Beitrags sind eigene Praxisübertragungen.

Verlag Herder: Themenpaket Ko-Konstruktion mit dem Originalbeitrag · Hochschule Magdeburg-Stendal: Kompetenzzentrum Frühe Bildung und Ko-Konstruktion in der Kita-Praxis

Weitere Praxisanregung: Wie Forschen Kinder ins Sprechen bringt

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