Kleine Kamera, große Fragen: Mit Kindern Perspektiven entdecken

Kind fotografiert draußen mit einer Kamera kleine Pflanzen und Naturmaterialien

Ein Spielzeugtier kann auf einem Foto riesig wirken. Derselbe Bausteinturm sieht von unten ganz anders aus als von oben. Und manchmal erzählt das Bild vor allem etwas darüber, was außerhalb des Bildrandes fehlt. Genau deshalb interessiert mich Fotografie in der Kita: Kinder können mit ihr eigene Fragen untersuchen und ihre Sicht auf die Welt zeigen.

Den Anstoß für diesen Beitrag geben die fotografierten Seiten aus dem Magazin „Forscht mit!“, Ausgabe 2/2023, zum Thema Fotografie. Besonders spannend finde ich daran die Verbindung von Bildgestaltung und Forschen. Meine folgenden Vorschläge sind eigene Übertragungen für den Kita-Alltag. Es geht dabei um Bilder, die Kinder gestalten, auswählen und besprechen.

Erst schauen, dann auf den Auslöser drücken

Für einen Einstieg würde ich die Kamera zunächst noch in der Tasche lassen. Aus festem Papier entstehen einfache Sucher: ein Blatt mit einer großen rechteckigen Öffnung. Damit können Kinder den Raum absuchen, näher an einen Gegenstand herangehen oder einen anderen Standort ausprobieren. Was verschwindet aus dem Rahmen? Was kommt dazu?

Ich würde keine Motivliste verteilen, die alle abarbeiten müssen. Interessanter ist eine Einladung wie: „Finde etwas, das man leicht übersieht.“ Ein Kind zeigt vielleicht eine Schraube, ein anderes eine Lichtspur auf dem Boden. Wer nicht durch den Rahmen schauen möchte oder kann, darf auf etwas zeigen, einen Gegenstand auswählen oder mit einer anderen Person zusammenarbeiten. Die Entdeckung gehört dem Kind, nicht meiner Vorstellung von einem schönen Bild.

Eine Frage, zwei Aufnahmen

Eine mögliche Untersuchung beginnt mit einem kleinen Bauwerk: Wie können wir es auf einem Foto besonders hoch aussehen lassen? Die Kinder entwickeln Vermutungen. Anschließend fotografieren sie dasselbe Bauwerk aus zwei gut erreichbaren Positionen, etwa im Sitzen und mit der Kamera nahe am Boden. Niemand muss dafür auf Stühle oder Leitern steigen.

Beim Vergleichen frage ich: „Was habt ihr verändert? Was ist gleich geblieben? Woran erkennst du den Unterschied?“ Vielleicht wird deutlich, dass nicht nur der Standort, sondern auch der Abstand verändert wurde. Das ist ein guter Anlass für einen weiteren Versuch. Für mich liegt der pädagogische Wert darin, die eigene Vermutung mit einer Beobachtung in Beziehung zu setzen. Die korrekte Bezeichnung der Perspektive kann ich ergänzen; sie muss nicht am Anfang stehen.

Drei Bilder, eine Geschichte

Als zweite Möglichkeit würde ich zu einer kleinen Bildgeschichte einladen. Drei Aufnahmen reichen: Ein Gegenstand ist verschwunden, jemand sucht ihn, schließlich taucht er an einem überraschenden Ort wieder auf. Figuren und Materialien können die handelnden Personen ersetzen. Die Kinder entscheiden, welche Momente sie zeigen und welche Reihenfolge ihre Geschichte verständlich macht.

Danach darf eine andere Kleingruppe erzählen, was sie in den Bildern erkennt. Stimmen beide Geschichten überein? Fehlt eine wichtige Information? Ich würde unterschiedliche Deutungen nicht sofort korrigieren. Gerade der Austausch darüber macht sichtbar, dass ein Foto einen Ausschnitt zeigt und Betrachtende eigene Vorstellungen mitbringen. Wenn Kinder möchten, ergänzen sie eine Aufnahme oder verändern die Reihenfolge.

Eine kleine Ausstellung mit echten Entscheidungen

Aus vielen Bildern würde ich mit den Kindern nur wenige auswählen. Jedes Kind kann ein Bild zeigen und sagen, zeichnen oder mit Unterstützung ausdrücken, warum es wichtig ist. Auch ein verwackeltes Foto darf dabei eine Bedeutung haben. Entscheidend ist nicht, ob ich es für ausstellungsreif halte, sondern welche Entdeckung oder Idee das Kind darin festhält.

Vorher braucht es eine klare Absprache: Wofür fotografieren wir, wo schauen wir die Bilder an und was geschieht danach damit? Als praktische Regel würde ich für den Einstieg Gegenstände statt Personen wählen. Bei Menschen respektieren wir ein Nein und besprechen Aufnahme, Zeigen und Weitergabe als unterschiedliche Entscheidungen. Für eine Veröffentlichung gelten zusätzlich die mit dem Träger geklärten Vorgaben. Eine gemeinsame Betrachtung ist kein automatischer Anlass, die Bilder ins Netz zu stellen.

Weniger Technik, mehr Aufmerksamkeit

Für eine erste Runde genügen ein geeignetes Gerät, ein überschaubarer Arbeitsbereich und Zeit zum gemeinsamen Anschauen. Ich würde die Bedienung kurz zeigen und dann nur dort unterstützen, wo Hilfe gebraucht wird. Wer das Gerät hält, wechselt; andere Kinder können Motive gestalten, den Bildausschnitt prüfen oder die Geschichte erzählen. So wird aus dem Warten auf die Kamera eine gemeinsame Aufgabe.

Meine Frage für die nächste Teamsitzung wäre: Welche Bilder zeigen wir Kindern üblicherweise – und wie oft dürfen sie selbst entscheiden, was sichtbar werden soll? Fotografie kann uns einen Zugang zu ihren Interessen eröffnen. Dafür muss ich bereit sein, auch etwas anzuschauen, das ich selbst beinahe übersehen hätte.

Passende Angebote im Kita Campus

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Quellen und Vertiefung

Fachlicher Ausgangspunkt: Stiftung Kinder forschen, „Forscht mit!“, Ausgabe 2/2023, „Die Welt im Fokus“ (S. 4), „Überall Fotos“ (S. 5) und Praxisbericht „Eine Frage der Perspektive“ zum Kindergarten Windhag (S. 12). Die beschriebenen Anregungen dieses Blogbeitrags sind eigene Praxisvorschläge.

Originalausgabe „Forscht mit!“ 2/2023 als PDF · Stiftung Kinder forschen: Auf Entdeckungsreise mit der Kamera

Weiter im Kita-Campus-Blog: Ein schönes Kita-Foto – aber gehört es wirklich ins Netz?

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